Hochschule hält Mechatronik -Bildung - Der Göppinger Hochschulstandort kommt in der Reform glimpflicher davon, als befürchtet. Der Rektor stellte die neue Struktur vor. Die Mechatronik bleibt. Von Arnd Woletz

Der Hochschulstandort Göppingen ist gesichert, nun soll es aufwärts gehen. Beim Umbau wird der Studiengang Mechatronik erhalten, aber modernisiert

Der Schock im Kreis Göppingen saß tief, als die Esslinger Hochschule im Herbst ihre Umstrukturierungspläne ankündigte. Der Göppinger Standort drohte bei einer Schrumpfkur in Existenzgefahr zu geraten. Das befürchtete jedenfalls so mancher Lokalpolitiker. Die Drähte glühten. Es knirschte gehörig. Diskussionen kochten hoch.

Mittlerweile haben sich die Wogen geglättet. Was der Esslinger Hochschul-Rektor Christof Wolfmaier am Donnerstagabend im Göppinger Gemeinderat als Ergebnis eines längeren Planungsprozesses vorstellte, ließ bei den Stadträten, die sich in der Stadthalle versammelt hatten, hörbar einige Steine vom Herzen fallen. Wichtigste Botschaften: In Göppingen sollen auch in Zukunft etwa 1000 junge Leute studieren. Der Standort ist langfristig gesichert. Es wird am Göppinger Campus ein Studiengang „Digital Business Engineer“ etabliert. Und vor allem: Er behält seinen vielfach ausgezeichneten Mechatronik-Studiengang, der allerdings weiterentwickelt, in die neue Struktur der Hochschule eingebunden und künftig „Mechatronik/Cyber-Physikalische Systeme“ heißen wird. Das soll stärker die Informationstechnologie integrieren,  wie sie in der Wirtschaft nachgefragt werden. Rektor Wolfmaier drückte es so aus: „Die Mechatronik wird in eine neue Ära bewegt“.

Ich weiß es zu schätzen, dass sich die Göppinger so für ihren Hochschulstandort einsetzen.

 

Professor Christof Wolfmaier Rektor Hochschule Esslingen

 

Dann werde sie auch weiterhin „ein gewaltiges Vakuum füllen“, das sich in der Industrie und auf dem Arbeitsmarkt auftun wird, wie er prophezeite. So wie damals, als der Göppinger Standort zu seinem guten Ruf kam. Die Mechatronik sei entstanden, „als der Mechaniker den Elektriker nicht mehr verstanden hat“, so Wolfmaier. Inzwischen habe sich die Industrie Richtung Cyber-Welt erweitert.

Wolfmaier betonte, dass durchaus Handlungsbedarf besteht.  „Wir bangen momentan um unsere Spitzenposition.“ Nicht nur wegen des Nachfragemangels und der erkennbar mangelhaften Kommunikation zwischen den Fakultäten. Es hätten sich auch Doppelstrukturen etabliert. „Wir haben uns gegenseitig kannibalisiert“. Nach dem Umbau hat die Hochschule eine Matrix-Struktur mit sechs Fakultäten (siehe Infobox).

Wolfmaier verhehlte nicht, dass es Probleme gebe, die Jugend für diese Studiengänge zu begeistern. Viele zeigen Desinteresse für Technik. Mit neuen attraktiven Angeboten und Schlagworten will man sie nach Göppingen locken: Tiny Houses (Mikro-Wohnungen), Smart Living und Smart Factory.

Für das neue Göppinger Studienangebot „Digital Business Engineer“ arbeite die Fakultät gerade konkrete Studienkonzepte aus. Nicht mehr in Göppingen vertreten sein werde die Automatisierungstechnik und die Elektrotechnik sein. Dennoch fielen die Reaktionen nicht nur im Gemeinderat sehr erleichtert aus. Stadträte verschiedener Fraktionen sprachen von Hoffnung, Zuversicht und einem guten Ende des Verhandlungsprozesses nach anfänglichen Irritationen. Oberbürgermeister Guido Till sagte, die Stadt werde die Neuausrichtung aus vollem Herzen unterstützen. Dazu werde die Stadt ihren Beitrag leisten. Er sprach den bereits erfolgten Kauf einer benachbarten Gewerbehalle an, um der Hochschule mögliches Entwicklungspotenzial zu bieten. Aber auch neue Verhandlungen über Grundstücke auf der anderen Seite der Jahnstraße, um den Campus attraktiver zu machen.

Einig waren sich die Göppinger Lokalpolitiker in ihrer Forderung, dass der Standort Göppingen sich auch im offiziellen Namen der Hochschule wiederfinden müsse. Till nannte den derzeitigen Namen „einen Geburtsfehler“.

Die CDU Landtagsabgeordnete Nicole Razavi findet: „Die Mühe hat sich gelohnt“. Es sei eine wichtige Entscheidung für Region und die Industrie gefallen. Ihr SPD-Kollege Peter Hofelich sagte, er sei sich in Gesprächen mit der Ministerin einig gewesen, „dass wir für die Zukunft einen stärkeren Impuls für die Hochschulen und betriebliche Weiterbildung brauchen“. Göppingen könne durch seine Lage und seine Wirtschaftsstruktur im Landkreis künftig eine besondere Rolle spielen.

Wolf Martin, Präsident der IHK Bezirkskammer Göppingen, erinnert in einer Pressemitteilung daran: „Wir brauchen junge Ingenieure, die unsere Zukunft gestalten. Daher unterstützen wir alle Reformbemühungen der Hochschule. Die Göppinger Unternehmen bräuchten für den Strukturwandel einen eigenen ingenieurwissenschaftlichen Studiengang vor Ort.

 

Leitartikel

Wie geht es weiter in den Gremien?

Die Arbeit an der Hochschulstruktur wird in den kommenden Wochen fortgesetzt. Für die Senatssitzung am 18. August soll die neue Grundordnung im Senat zum Beschluss vorliegen.

Nach einer Zustimmung des Ministeriums für Wissenschaft, Forschung und Kunst sind die Wahlen neuer Gremien im Herbst geplant.

Die neue Organisationsstruktur soll im Sommersemester 2021 beginnen. Insgesamt werde sich die Hochschule ein Jahr Zeit lassen, die Studiengänge neu zu sortieren, sagte Professor Wolfmaier. Er sprach von „sukzessiver Rochade von Lehrkapazitäten“.

Die neue Grundordnung


Die Hochschule Esslingen wird sich in einer sogenannten Matrix-Struktur organisieren. Dazu werden sechs Fakultäten und fünf Querschnittsfunktionen gehören. Die Hochschule will ihre Studienangebote an die Marktanforderungen anpassen.

Die sechs Fakultäten sind:
- Maschinen und Systeme
- Mobilität und Technik
- Angewandte Naturwissenschaften/Energie/Gebäudetechnik
- Informatik und Informationstechnologie
- Wirtschaft und Technik
- Soziale Arbeit, Bildung und Pflege

Meinungsbeitrag NWZ Redaktion Arnd Woletz

Göppingen muss nicht immer graue Maus sein. Selbstbewusstsein ist durchaus angebracht. Die Stadt hat mit der Firma TeamViewer einen Marktführer aus der Computerbranche. Er füllt die Stadtkasse mit Gewerbesteuer, bringt Internationalität unter den Hohenstaufen und ist für das Image der Stadt ein Juwel. Dazu kommt ein Campus mit gefragtem Studienangebot, ein immer sprudelnder Quell von Erfindergeist und High-Tech. Die Hochschule lockt begabte Köpfe von weit her. Sie befruchten die solide Wirtschaft der Zulieferer und Maschinenbauer. Und sie gründen Keimzellen neuer Erfolgsunternehmen.

Doch halt: Dieses Traum-Szenario drohte im Herbst hässliche Risse zu bekommen.  Die Esslinger Hochschule reagierte auf die nachlassende Anziehungskraft ihres Filial- Standorts Göppingen. Studenten zeigen den Angeboten und der Stadt oft die kalte Schulter. Und die Industrie hat offenbar längst andere Anforderungen.

Die Ankündigung der Hochschule, ihr Organisationskonstrukt auf den Prüfstand zu stellen, war deshalb folgerichtig. Auch wenn das die Stadt, den Landkreis und die Abgeordneten aus dem Halbschlaf riss.

Inzwischen sieht es wieder günstiger aus. Wenn die Strategie aufgeht, steht der Hochschulstandort Göppingen künftig zumindest nicht viel schlechter da. Der Herbst-Schock könnte für alle Beteiligten zum Weckruf werden. Die Stadt kann es nicht bei vollmundigen Bekundungen belassen. Sie muss daran arbeiten, dass Göppingen nicht nur als attraktiver Studienort gilt, sondern auch für junge Menschen ein gefragter Lebensraum wird. Bisher wandern viele ab. Das könnte sich ändern. Wenn man den Dreiklang schafft aus Arbeitsplatzangebot, guter Berufsbildung an der Öde und Hochschul-Oase an der Jahnstraße, aber kombiniert mit Kultur- und Freizeit zum Zunge schnalzen. Das ist eine Herkulesaufgabe.

Die bessere Anbindung des Campus an die Innenstadt beispielsweise wird schon ewig diskutiert.  Passiert ist wenig. Gut, dass der Oberbürgermeister kurz vor dem Wahlkampf jetzt eine Aufwertung des Umfelds verspricht – und Dienstleistungen wie Studentenwohnungen.

Und, ach, zum Selbstbewusstsein: Dass Göppingen im offiziellen Namen der Hochschule gar nicht auftaucht, ist ein Webfehler, den zu korrigieren sich durchaus lohnt. Bitte dranbleiben!

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