Den Takt des Jahres 2022 angezeigt - Ausstellung - Zeit, sie rückte in den vergangenen Monaten verstärkt ins Bewusstsein. Fünf Künstler haben sich damit auseinandergesetzt, zu sehen bis 30. August in der Kunsthalle Göppingen. Von Margit Haas

Flaggen von Staaten, die es gar nicht mehr gibt, hat Nasan Tur in der Kunsthalle zusammengetragen. Die dortige Ausstellung nähert sich dem „Wesen der Zeit“ mit Arbeiten von fünf Künstlern.

Ein rhythmischer Herzschlag empfängt die Besucher der Göppinger Kunsthalle. Regelmäßig erklingt der Ton, ist in der gesamten Ausstellung zu hören, scheint alle Kunstwerke zu durchdringen, erinnert an die Flüchtigkeit von Zeit.

In der aktuellen Ausstellung „Zeitlos. Vom Wesen der Zeit“ beschäftigen sich fünf Künstlerinnen und Künstler mit Phänomen der Zeit. Begleitet vom virtuellen Herzschlag der Biennale-Künstlerin Alicja Kwade tritt der Besucher seinem Spiegelbild in der Installation von Jeppe Hein entgegen. „Der Künstler tritt mit dem Betrachter sofort in einen Dialog“, betont Dr. Melanie Ardjah, die Leiterin der Kunsthalle. Sie hat das Thema Zeit schon lange fasziniert und gerade in Zeiten der Corona-Pandemie, in der die Zeit – im Positiven wie im Negativen – ungeahntes Gewicht erhielt, die Ausstellung kuratiert. Die Kunstschaffenden beschäftigen sich in ganz unterschiedlicher Weise mit der Vergänglichkeit, setzen subtile Facetten um, machen letztlich aber doch immer eines deutlich: Zeit ist kostbar. Wir sollten mit ihr sorgsam umgehen.

Verschwundene Staaten

Zeit bringt aber auch unterschiedliche Zeiterscheinungen mit sich – die wieder verschwinden können. Die Installation „Once upon the time“ von Nasan Tur zeigt Flaggen von Staaten, deren Angehörige einstmals stolz auf ihre Abstammung waren. Tatsächlich gibt es die Gemeinwesen aber gar nicht mehr und so stellt der Künstler die kritische Frage nach der Bedeutung von Nationalität – und damit indirekt auch nach Ausgrenzung.

An eine längst vergangene Zeit erinnert eine Fotografie des Berliners. „Vergiss nie den Duft der Pfefferminze“ ist das Foto des Künstlers mit seiner Mutter überschrieben. In einem leeren Raum gibt sie ihm – künstlich vergrößert – Halt, erinnert in der Kontemplation, in der Verletzlichkeit an eine Pietà. „Der Künstler gibt dem Wunsch des Erwachsenen, wieder in die Rolle des verletzlichen Kindes schlüpfen zu können, Ausdruck.“

In sich verschlungene Kerzen, an beiden Enden abgebrannt – sie erinnern an ein Herz, das aber aufgehört hat zu schlagen. Die kleine Skulptur setzt sich in Bezug zu einer großflächigen Installation von Alija Kwade. „Ein Jahr“ ist es überschrieben, scheint zunächst eine Kalligraphie zu zeigen und offenbart bei näherer Betrachtung: tausende Zeiger von Taschenuhren; diese nehmen den Takt des Jahres 2022 vorweg.

Der Blutstropfen, der den Herzschlag von Gabriela Oberkofler visualisiert, ist gar kein Tropfen, sondern eine kleine Kugel, ein Kreis also, der den unendlichen Kreislauf des Lebens symbolisiert. „Ein halbes Jahr später“ – so lange hat es gedauert, zwei Ansichten aus der Natur zu zeichnen. Feinste Strichen schaffen Tiefe und Bewegung. Eine Flechte hat einen Ast für sich entdeckt. Derartige Symbiosen, auch von Menschen und Gesellschaften, fasziniert die Künstlerin.

Langsam zoomt die Kamera auf eine beschlagene Fensterscheibe zu, zeigt messerscharf die Tropfen, dann wischt Marijke van Warmerdam die Feuchtigkeit beiseite und blickt mit der Linse in eine impressionistische Landschaft. An einem See ist ein Paar in ein scheinbar vertrautes Gespräch versunken. Dann zoomt die Kamera wieder zurück. „In the distance“ hat sie die großflächige Filminstallation genannt und meint damit Raum und Zeit. Die langsamen Bilder fordern dem an schnelle Schnitte gewöhnten Betrachter Konzentration ab. Überhaupt sollte er sich Zeit nehmen und dem Phänomen Zeit in der Kunsthalle auf eindrückliche und überraschende Weise näherkommen.

Führungen für maximal zehn Besucher

Öffnungszeiten Zu sehen ist die neue Ausstellung in der Kunsthalle Göppingen dienstags bis freitags von 13 bis 18, samstags, sonn- und feiertags von 11 bis 19 Uhr (bis 30. August). Sonntags, an Feiertagen und seit Neuestem auch donnerstags finden jeweils ab 15 Uhr Führungen für bis zu zehn Personen statt. Buchungen bis zu zwei Tage vorher unter Tel. 07161/650-4213 oder kunstvermittlung@goeppingen.de. Außerdem gibt es ein umfangreiches Rahmenprogramm (siehe Homepage).

Zurück