Transparenz und Aufklärung helfen Interview Der Ärztliche Direktor des Göppinger Christophsbads, Professor Nenad Vasic, spricht über die Funktion von Angst in Zeiten von Corona und ihre Auswirkungen. Von Annerose Fischer-Bucher

Erlebt im Christophsbad keine Zunahme von Angst, dafür eine vermehrte Kooperationsbereitschaft und Solidarität, auch bei Patienten: der Ärztliche Direktor Professor Dr. Nenad Vasic.

Das Coronavirus verändert durch sein globales Auftreten das Leben der Menschen weltweit. Europa schließt seine Grenzen und Deutschland hat weitreichende Einschränkungen des öffentlichen Lebens beschlossen, die von den Bundesländern und von den Kommunen umgesetzt werden sollen. Bislang gibt es noch kein Medikament gegen das Virus und jeden Tag gibt es neue Zahlen von Infizierten und Todesfällen. An einem Impfstoff wird weltweit intensiv geforscht und für Krankenhäuser gibt es in Deutschland Notfallpläne, um Erkrankte gegebenenfalls intensiv-medizinisch versorgen zu können. Nach einer Umfrage Anfang März gaben 21 Prozent der Befragten in Deutschland an, große Angst vor der Ansteckung durch das Coronavirus zu haben. Mitte März waren es bereits 37 Prozent. Wir fragten den Ärztlichen Direktor des Göppinger Christophsbads, Professor Dr. Nenad Vasic, nach seiner Einschätzung von Angst, nach deren Funktion und nach ihrer Auswirkung.

Was ist der Ursprung von Angst und wozu ist sie gut?

Nenad Vasic: Angst ist evolutionär bedingt und ganz tief in uns verwurzelt. Auch Tiere haben ja Angst. Im Gehirn findet die Furchtkonditionierung in der Amygdala, dem Mandelkern, statt. Angst ist ein Schutzmechanismus vor bedrohlichen und neuen Situationen, der uns im Notfall schnell und konditioniert entweder durch Kampf oder Flucht („fight or flight-Reaktion“) reagieren lässt. Damit hängen dann auch die Körperreaktionen zusammen wie beschleunigter Herzschlag, erhöhte Atemfrequenz oder Schwitzen.

Wann wird Angst pathologisch?

Krankhaft wird es dann, wenn es über ein Maß hinausgeht, das nicht mehr durch die Realität gerechtfertigt ist. Das innere Angstsystem ist quasi zu scharf eingestellt. Am Beispiel einer Spinnenphobie kann man das sehen, wenn selbst bei der kleinsten Spinne, von der keinerlei Gefahr ausgeht, das Angstsystem anspringt. Hemmend wird die Angst dann, wenn der Mensch darunter leidet und durch sein Vermeidungsverhalten immer mehr eingeschränkt wird.

Was sind Gründe für pathologische Angst?

Es gibt lebensgeschichtliche Entwicklungen und eine genetische Disposition. Und oft kommt ein situativer Stressfaktor als Auslöser hinzu.

Was kann man dagegen tun?

An erster Stelle steht die Aufklärung darüber, was an der Angst realistisch ist, und die Fragen nach dem Auslöser und wie der Körper reagiert. Dann geht es zum Beispiel in der Verhaltenstherapie darum, sich schrittweise der Angst zu stellen, um das Vermeidungsverhalten zu vermindern. Denn je größer das Vermeidungsverhalten, umso größer wird auch die subjektive Angst. Wenn man aber schrittweise feststellt, dass das schlimmste Szenario nicht eintritt, geht die Angst zurück.

Was bedeutet das für Corona?

Es geht zunächst darum, dass die Menschen realistisch aufgeklärt werden, was tatsächlich los ist und welche Maßnahmen warum und wann sinnvoll und notwendig sind. Denn eigentlich haben wir es ja mit einem grundsätzlich beherrschbaren Geschehen zu tun, wenn sich alle an die Maßnahmen halten. Das zeigen Erfahrungen mit früheren Pandemien.

Was ist die Ursache der Angst bei Corona?

Wir haben es hier mit etwas Unbekanntem und deshalb Befremdlichem zu tun. Man hat sich lange in einem sicheren Wohlstand eingerichtet und sicher gefühlt. Und jetzt gibt es da etwas, das einen plötzlich aus dieser Ruhe und Sicherheit herausholt. Und es betrifft einen selbst.

Warum hamstern Menschen jetzt ausgerechnet vor allem Klopapier?

Klopapier kann als ein Symbol für eine gesicherte, geregelte Lebensweise mit Standardgewohnheiten des Wohlstands aufgefasst werden. Es ist in gewisser Weise ja auch nachvollziehbar, wenn man etwa länger zu Hause bleiben müsste. Für unsere tiefe evolutionäre Angst reicht ein Verdacht aus, dass eine Gefahr droht, oder andere Menschen, die auch kaufen. Diese könnten ja Gründe dafür haben, also sorge ich jetzt schnell auch für mich. Das gibt in einer Veränderungsphase ein Sicherheitsgefühl und reduziert ein etwaiges Ohnmachtsgefühl, obwohl das Verhalten irrational ist.

Gibt es einen Zusammenhang zwischen individueller und kollektiver Angst?

Gefühle unter Menschen sind ein Stück weit ansteckend. Wir wissen, dass das gerade bei extremen Gefühlen besonders ausgeprägt ist, sowohl bei positiven als auch bei negativen. Denken Sie etwa an die überschäumende Freude über ein gewonnenes Fußballspiel. Und bei unangenehmen Gefühlen wie bei Ängsten können sich viele kleine Ängste aufsummieren und dann übers Ziel hinausschießen.

Was hilft bei kollektiven Ängsten wie jetzt in der Corona-Krise?

Hier helfen vor allem Transparenz, Aufklärung, Klarheit der Regeln und auf dieser Basis ein solidarischer Zusammenhalt.

Was ist wichtig in der Corona-Krise?

Es geht darum, dass Zeit gewonnen wird und dass sich nicht viele Menschen zeitgleich infizieren oder erkranken. Es wird nicht jeder betroffen sein, aber die schwer Betroffenen müssen durch ein funktionierendes Gesundheitswesen gut behandelt werden können.

Bemerken Sie in Ihrer Klinik, bezogen auf das Thema Angst, bestimmte Veränderungen?

Ich erlebe im Christophsbad keine Zunahme von Angst, aber eine vermehrte Kooperationsbereitschaft und Solidarität, auch bei Patienten. Dabei schaltet auch unsere Klinik auf die Notfallversorgung um, damit wir in der Zeit der Corona-Krise kontinuierlich handlungsfähig sind.

Wird Angst in der Corona-Krise uns weiter beherrschen?

Ich denke, dass die Angst im Verlauf abnehmen wird, je mehr wir uns den neuen Umständen angepasst haben, weil die Bedrohung dann nicht mehr neu sein wird. Grundsätzlich haben wir uns jedoch in den Wohlstand hineingefühlt, funktionieren aber auch immer sozusagen an der Grenze und ohne Puffer. Jetzt haben wir gesehen, dass das Ganze doch fragiler war, als wir gedacht haben. Etwas mehr Bescheidenheit und Zurückhaltung in der Zukunft könnten und sollten aus meiner Sicht lehrreiche Folgen dieser Pandemie sein.

Zur Person: Dr. Nenad Vasic

Professor Dr. Nenad Vasic ist seit 2016 Ärztlicher Direktor des Klinikums Christophsbad in Göppingen. Er ist Chefarzt der dortigen Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie.

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