Auf alternde Gesellschaft einstellen Demografie Experte: Der öffentliche Raum muss mehr Interessen der „Hochaltrigen“ berücksichtigen.

Kreis Göppingen. Der Demografie-Beauftragte des Landes Baden-Württemberg, Thaddäus Kunzmann, hat vor der Mitgliederversammlung des Kreisseniorenrats in Donzdorf die dringende Notwendigkeit altersgerechten Umbauens betont, um Barrieren in Wohngebäuden zu beseitigen und Maßnahmen zur Einbruchsicherung vorzunehmen. Die dafür im Rahmen der Wohnraumoffensive von Bund, Ländern und Kommunen bereit gestellten Fördermittel hält er aber nicht für ausreichend und bezeichnete eine Verdoppelung des Programmvolumens auf 150 Millionen Euro als notwendig, heißt es in der Pressemitteilung des Kreisseniorenrats. „Mit der Förderung des altersgerechten Umbaus ermöglicht der Bund vielen Bürgern einen möglichst langen Verbleib im vertrauten Wohnumfeld bis ins hohe Alter“, sagte Kunzmann und hob hervor, dass eine einschlägige Ausbildung und Zertifizierung von Planern, Architekten und Handwerkern erforderlich sei. Auch der Umbau von privaten Mietwohnungen müsse gezielt gefördert werden. Ziel der Demografie-Politik müsse es sein, ein ausgewogenes Verhältnis der Einwohnerstruktur zu erreichen, indem die Möglichkeit eines Hauserwerbs in Ortsmitten angestrebt und ein barrierefreier Geschosswohnbau ermöglicht wird. „Natürlich gehören ein gutes Schulangebot, eine ausgeprägte Kinderbetreuung und ausreichende Mobilitätsangebote sowie ein Breitbandanschluss dazu“, begründete Kunzmann die aus seiner Sicht notwendige Entwicklung in kleineren Kommunen.


Dem Handlungsfeld Mobilität sei eine besondere Aufmerksamkeit zu widmen, Kunzmann bezog sich auf eine Studie, wonach zwei Drittel der über 75-Jährigen sich selbst als wenig oder gar nicht mobil empfänden. Es sei bemerkenswert, dass über 75-Jährige sich im eigenen Auto am sichersten fühlen würden. Knapp dahinter folge das Taxi, nur mit großem Abstand die Bahn und der Bus. „Wir brauchen vor allem niedrigschwelligere Angebote, wie sie zum Beispiel mit Bürgerbussen oder Ruftaxen schon vereinzelt angeboten werden“, schlug Kunzmann vor. Der öffentliche Raum müsse sich auf die Hochaltrigen mehr und besser einstellen durch Begehbarkeit der Gehwege, Beseitigung von Stolperfallen, bessere Ausleuchtung, Ruhebänke und Toiletten. Die unterschiedliche Höhe von Bahnsteigen und Ausstiegshöhen an den Zügen sei ein lösbares, aber bisher vernachlässigtes Problem.

 

Kommentar Joa Schmid zum demographischen Wandel im Landkreis

Die Zeit der Alten kommt


Dass die Menschen in Deutschland immer älter werden, gilt schon fast als Binsenweisheit, wenn auch als eine mit Sprengkraft. Ab 2040 gibt es in Baden-Württemberg mehr Ruheständler als Berufstätige. Höchste Zeit, sich ganz praktisch in allen möglichen Bereichen darauf einzustellen. Die Zeit der Alten kommt, da heißt es, vorbereitet zu sein. Da hat der Demografie-Beauftragte der Landesregierung Thaddäus Kunzmann schon recht. Der altersgerechte Umbau von Wohnungen ist nur ein einzelner Aspekt des notwendigen Wandels, aber ein wichtiger. Nur altersgerechtes Wohnen, in den Innenstädten, aber auch auf dem Land, ermöglicht es den Menschen, bis ins hohe Alter in ihrem gewohnten Wohnumfeld zu leben. Nahversorgung, Mobilität und Pflegenotstand sind weitere Themen, die eine große Rolle beim viel beschworenen demografischen Wandel spielen werden. Letztendlich muss es auch darum gehen, Ghettos für alte Menschen zu verhindern und die Siedlungsentwicklung so zu beeinflussen, dass am Ende nicht nur die Alten, sondern auch junge Menschen in den Dörfern leben. Wie schwer das wird, zeigt sich daran, dass selbst der Demografie-Beauftragte der Landesregierung die Wohnraumoffensive von Bund, Ländern und Kommunen für unterfinanziert hält. Am Geld darf das aber keinesfalls scheitern.

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